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St. Marien-Andreas-Kirche in Rathenow: Neuinszenierung eines gebrochenen Raumes

08.09.2026 20:45
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Die St. Marien-Andreas Kirche in Rathenow wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. In den 1950er Jahren erfolgte ein reduzierter Wiederaufbau des Kirchenschiffs. Die aktuelle Sanierung inszeniert die schlichte Eleganz der Nachkriegsmoderne im Dialog mit der wiederhergestellten mittelalterlichen Raumschale neu. Während der Kirchenraum zuvor gestalterisch in einzelne Fragmente zerfiel, ist er heute wieder als ästhetische Einheit erfahrbar.

Bauherr: Evangelische Kirchengemeinde St. Marien-Andreas Rathenow
Zeitraum: April 2022 bis April 2026

Die St. Marien-Andreas Kirche geht auf eine spätromanische Basilika des frühen 13. Jahrhunderts zurück und erhielt im 14. Jahrhundert ihren bis heute prägenden Hallenumgangschor. Das Langhaus wurde im 16. Jahrhundert und der Turm im frühen 19. Jahrhundert neu errichtet. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde in den 1950er Jahren zunächst nur das Langhaus wieder unter Dach gebracht. Nach Entwürfen des Architekten Winfried Wendland entstand mit begrenzten Mitteln eine Neugestaltung, die von Gestaltungswillen und Sorgfalt im Detail zeugt. Der Entwurf umfasste eine Kanzel, einen Taufstein, eine Altarmensa und eine neue Westempore in der charakteristisch reduzierten Formensprache der Nachkriegsmoderne. So entstand eine eigenständige und qualitative architektonische Zeitschicht im „Nierentischstil“.

Ausgangssituation

Der Chor jenseits des vermauerten Triumphbogens blieb bis in die 1990er Jahre Ruine. Nach der Wende gelang es, in mehreren Bauabschnitten, den Turm, die Gewölbe des Kirchenschiffs und das Dach des Chorraumes wiederherzustellen. Die verschiedenen Wiederaufbau- und Umbauphasen führten im Inneren jedoch dazu, dass kein ästhetisch ganzheitlicher Raumeindruck entstand. Während die äußere Erscheinung der Kirche schrittweise dem Vorkriegszustand angenähert wurde, blieb der Innenraum von Brüchen geprägt. Der in den 1990er Jahren als eigenständiger Gemeinderaum konzipierte Chor lag deutlich tiefer als das Kirchenschiff und war durch ein staudammgleiches Podest der Altarmensa von diesem abgetrennt. Die Anordnung der liturgischen Elemente verstärkte die Trennung beider Raumteile, der Chor hatte seine Funktion als räumlicher und liturgischer Mittelpunkt der Kirche nicht wieder einnehmen können.

Weiterbauen nach dem Wiederaufbau

Vor diesem Hintergrund wurde der Gesamtraum nun funktional, räumlich und liturgisch neu konzipiert. Die Neugestaltung stärkt die Kirche als lebendigen Ort der Gemeinde und öffnet sie zugleich als Versammlungsstätte für die allgemeine Öffentlichkeit.

Eine durchgehende Fußbodenebene ordnet den Innenraum neu. Mit der Angleichung der Niveaus finden Chor und Schiff wieder zu einem zusammenhängenden Raum und sind barrierefrei erreichbar. Die Rekonstruktion der mittelalterlichen Sterngewölbe führt den Wiederaufbau des Chorraums zu Ende und stärkt zugleich dessen räumliche und liturgische Präsenz.

Zwei neue Emporen in den Seitenschiffen ermöglichen es, den Kirchenraum künftig stärker kulturell zu nutzen. Ihre Brüstungsgestaltung knüpft an die Formensprache der Westempore der 1950er Jahre an. Um das in den Außenwänden erhaltene romanische Querhaus wieder erfahrbar zu machen, sparen die Emporen das jeweils östliche Joch aus. Auf diese Weise weitet sich der Raum vor dem Triumphbogen mit den erhaltenen romanischen Seitenapsiden. Die nördliche Apsis mit der Taufanlage der 1950er Jahre erhält so einen eigenen Wirkungsraum. Die südliche Apsis erfährt mit dem früheren Altarbild „Darbringung im Tempel“ erstmals eine gestalterische Aufwertung.

Die Neugestaltung verneigt sich vor den 1950er Jahren und nimmt sie zum Ausgangspunkt für eine zeitgenössische Architektur im historischen Kontext. Prägende Elemente der Nachkriegsmoderne wurden erhalten, behutsam ergänzt und neu kontextualisiert. Die Altarmensa der 1950er Jahre wird gemeinsam mit dem mittelalterlichen Hochaltarretabel von 1380 wieder an seiner historischen Position verortet. Dort treten beide Zeitschichten in einen unmittelbaren Dialog und bilden erneut den liturgischen Mittelpunkt der Kirche.

Der Entwurf versteht die Brüche der Geschichte nicht als Mangel, sondern als Teil der Identität des Ortes. Aus den Fragmenten verschiedener Jahrhunderte entsteht ein neues Ganzes. Die Geschichte der Kirche wird dabei nicht korrigiert, sondern fortgeschrieben.

Objektplanung und Tragwerksplanung
Krekeler Architekten

Textquelle: Krekeler Architekten
Fotos: Gregor Schmidt

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